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Zur Seins frage

Daß die Verwandlung des Sagens, das dem Wesen des Seins nachdenkt, unter anderen Ansprüchen steht als die Auswechslung einer alten Terminologie gegen eine neue, dürfte einleuchten. Daß ein Bemühen um jene Verwandlung vermutlich noch lange unbeholfen bleibt, ist kein hinreichender Grund, es zu unterlassen. Die Versuchung liegt heute besonders nahe, die Bedachtsamkeit des Denkens nach dem Tempo des Rechnens und Planens abzuschätzen, das seine technischen Erfindungen durch die wirtschaftlichen Erfolge bei jedermann unmittelbar rechtfertigt. Diese Abschätzung des Denkens überfordert es durch Maßstäbe, die ihm fremd sind. Zugleich unterstellt man dem Denken den überheblichen Anspruch, die Lösung der Rätsel zu wissen und das Heil zu bringen. Demgegenüber verdient es die volle Zustimmung, wenn Sie auf die Notwendigkeit hinweisen, alle noch unversehrten Kraftquellen fließen zu lassen und jede Hilfe zur Wirkung zu bringen, um »im Sog des Nihilismus« zu bestehen.

Darüber dürfen wir jedoch die Erörterung des Wesens des Nihilismus nicht gering achten, allein schon deshalb nicht, weil dem Nihilismus daran liegt, sein eigenes Wesen zu verstellen und sich dadurch der alles entscheidenden Auseinandersetzung zu entziehen. Erst diese könnte helfen, einen freien Bereich zu öffnen und zu bereiten, worin das erfahren wird, was Sie »eine neue Zuwendung des Seins« nennen (Über die Linie, S. 32).

Sie schreiben: »Der Augenblick, in dem die Linie passiert wird, bringt eine neue Zuwendung des Seins und damit beginnt zu schimmern, was wirklich ist. «

Der Satz ist leicht zu lesen und doch schwer zu denken. Vor allem möchte ich fragen, ob nicht eher umgekehrt die neue Zuwendung des Seins erst den Augenblick für das Passieren der Linie bringe. Die Frage scheint Ihren Satz nur umzukehren. Aber das bloße Umkehren ist jedesmal ein verfängliches Tun. Die Lösung, die es anbieten möchte, bleibt in die Frage verstrickt, die sie umgekehrt hat. Ihr Satz sagt, das, »was wirklich ist«, also das Wirkliche, d.h. das Seiende beginnt zu schimmern,


Martin Heidegger (GA 9) Wegmarken

GA 9