In meiner Jugend waren die Vigiltage, die Tage vor den hohen Festen, die geheimnisvollsten; sie verzauberten alles Erwarten und stellten doch jegliches in das Stille, in sich Zurückgegangene.

Die blaue Farbe der Meßgewänder an diesen Tagen versammelte alles in eine unerklärliche Tiefe. Der Festtag selber erschien dann fast wie leer und allzulaut und ins Öffentliche gezogen. Die Vigil achtete niemand. Vermutlich weil wir noch kaum ermessen, inwiefern im Unerfüllten, in der Gewähr des je und je verhüllten Geschenkes aller wahrhafte und unversehrliche Reichtum der Sterblichen beruht

Vigil — die Wachsamkeit — der Gewährten Verhüllung, die zumal von dieser bewacht wird und so zur wachenden wird.

Vigil — gehört in das Ereignis und ist tiefer und wesender als der Verzicht, der in der Metaphysik beheimatet bleibt. Der | Verzicht — muß erst rückwärts fließen zur Vigil. In ihr verwahrt sich das Quillende des Brunnens, aus dem die Heimkehrenden schöpfen.


Erst in einem hohen Sagen vermögen wir das Erschweigen des Ereignisses.

Darum müssen wir das Schweigen selber im Ungesprochenen lassen.

Aber die Gefahr ist unübersehbar weit und stündlich, daß sie die Verschweigung überhören.

So bleibt das Sagen versucht, eigens auf das Erschweigen hinzuweisen.

Doch hier käme das Grausigste herauf, wenn man das Erschweigen ins Gerede brächte.

Hoch ist das Sagen, insofern es vor der Hoheit des V.-H. zurückbleibt.

Auch der geringste Denkversuch muß wenigstens dieses Eine vermögen: immer auf dem selben Wegzubleiben; und dies sagt: nie an der gleichen Stelle zu stehen.


Heute ist es bei der nötigen Geschäftigkei tund Reisefertigkeit billig, als internationale Größe zu gelten — groß für wen? Aber


Martin Heidegger (GA 100) Vigiliae und Notturno

GA 100