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§ 3. Erste Charakteristik der ἀλήθεια

der griechischen Logik die Bestimmung der Wahrheit ihren Höhepunkt erreichte, bei Aristoteles

Aus der Tradition der Logik, wie sie heute noch lebendig ist, weiß man, daß gerade die Wahrheit ausdrücklich mit Berufung auf Aristoteles bestimmt wird. Aristoteles hat zum ersten Mal betont: Wahr ist ein Urteil; die Bestimmungen wahr bzw. falsch sind primär an den Urteilen vorfindlich. Wahrheit ist »Urteilswahrheit«. Wir werden später sehen, inwiefern diese Bestimmung in gewisser Weise richtig, aber oberflächlich ist: an der »Urteilswahrheit« sei das Phänomen der Wahrheit diskutiert und fundiert.



§ 3. Erste Charakteristik der ἀλήθεια


a) Die Bedeutung des Wortes ἀλήθεια, ἀλήθεια und Dasein


Die Griechen haben für die Wahrheit einen charakteristischen Ausdruck: ἀλήθεια. Das α ist ein α-privativum. Sie haben also einen negativen Ausdruck für eine Sache, die wir positiv verstehen. »Wahrheit« hat für die Griechen dieselbe negative Bedeutung wie im Deutschen z.B. »Unvollkommenheit«. Dieser Ausdruck ist nicht schlechthin negativ, sondern negativ in einer besonderen Weise. Das, was wir als unvollkommen aussprechen, hat nicht überhaupt nichts mit Vollkommenheit zu tun, sondern es ist gerade auf diese hin orientiert: Es ist in bezug auf Vollkommenheit nicht so, wie es sein könnte. Diese Negation ist eine ganz eigentümliche. Sie ist oftmals in den Worten und Bedeutungen versteckt, z.B. bei »blind«, das auch ein negativer Ausdruck ist. Blind ist nicht sehen können; und blind •ein kann nur, was sehen kann. [11] Schweigen kann nur, was sprechen kann. Unvollkommen ist also das, was eine bestimmte seinsmäßige Orientierung auf Vollkommenheit hat. »Unvollkommen« meint: das, wovon es ausgesagt ist, hat nicht die Vollkommenheit, die es haben könnte, sollte, die man wünschte. Mit Bezug auf Vollkommenheit fehlt ihm etwas, es ist ihm genommen,


Martin Heidegger (GA 19) Platon Sophistes