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Die Genesis der σοφία im natürlichen Dasein

So kann er Aufschluß geben über das Seiende in seiner Herkunft, δύναται διδάσκειν (vgl. b7 sq). Daher hält das natürlich nächste Dasein dafür, τήν τέχνην τῆς ἐμπειρίας μάλλον ἐπιστήμην εἶναι (vgl. b8 sq). Die τέχνη wird also, weil sie den λόγος hat und Aufschluß über das Seiende in seiner Herkunft geben kann, dafür gehalten, μάλλον ἐπιστήμη ν zu sein als die ἐμπειρία. So rückt innerhalb der γένεσις der σοφία die τέχνη mit der ἐπιστήμη zusammen; sie wird geradezu als ἐπιστήμη bezeichnet.

Als ἐπιστήμη wird also bezeichnet 1. die τέχνη, 2. die höchste Wissenschaft, die σοφία, in ihrer Bestimmung als νοῦς καὶ ἐπιστήμη (Eth. Nic. VI, 7; 1141a19 sq).

Dabei ist die 1. Bedeutung, wonach die ἐπιστήμη so viel wie τέχνη besagt, die alltägliche. In diesem alltäglichen Gebrauch nimmt der Begriff der ἐπιστήμη eine eigentümliche Mittelstellung ein. Zwar wird die τέχνη insofern als ἐπιστήμη bezeichnet, als sie im Unterschied zur ἐμπειρία bereits das εἶδος herausholt. Dabei wird aber noch nicht eigentlich bestimmt, was den ausgezeichneten Charakter der ἐπιστήμη ausmacht. Die τέχνη ist ἐπιστήμη, obzwar sie eigentlich ἕξις ποιητική ist und so auf die ποίησις abzielt. Zugleich aber ist sie ἕξις μετὰ λόγου αληθούς (Eth. Nic. VI,4; 1140a10). In der τέχνη ist die ἐπιστήμη eigentlich vor die Verrichtenstendenz gespannt. In ihr liegt die Tendenz, sich von der Hantierung frei zu machen und eigenständig selbst eine ἐπιστήμη zu werden. Und sofern diese in ihr liegt, schreibt ihr das nächste natürliche Dasein zu, σοφώτερον zu sein.

Dagegen: τῶν αίσθήσεων οΰδεμίαν ηγούμεθα εἶναι σοφίαν (Met. 1, 1, 981b10), dagegen schreibt das nächste, natürliche Dasein der αισθησις gar nicht den Charakter der σοφία zu, καίτοι κυριώταταί γ'εΐσΐν αύται τῶν καθ᾽ ἕκαστα γνώσεις (b11), ob sie gleich die Weise des ἀληθεύειν ist, in der das καθ᾽ ἕκαστον, das Jeweilige, als solches zugänglich wird. Deshalb eben ist sie im Felde der πρᾶξις die auf das καθ᾽ ἕκαστον geht, ein κύριον neben dem νοῦς und der ορεξις (Eth. Nic. VI, 2; 1139a18). Ja, Aristoteles setzt sie später (Eth. Nic. VI, 9; 1142a23 sqq) sogar in gewisser Weise mit der φρόνησις gleich.


Martin Heidegger (GA 19) Platon Sophistes

GA 19