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§ 20. Zeitlichkeit und Temporalität


volle Struktur bekundet. Der Augenblick ist ein Urphänomen der ursprünglichen Zeitlichkeit, während das Jetzt nur ein Phänomen der abkünftigen Zeit ist. Schon Aristoteles hat das Phänomen des Augenblicks, den καιρός, gesehen und im VI. Buch seiner »Nikomachischen Ethik« umgrenzt, aber wiederum so, daß es ihm nicht gelang, den spezifischen Zeitcharakter des καιρός mit dem in Zusammenhang zu bringen, was er sonst als Zeit (νΰν) kennt.

Die zur Zeitlichkeit des Daseins gehörige Gegenwart hat nicht ständig den Charakter des Augenblicks, d. h. das Dasein existiert nicht ständig als ein entschlossenes, vielmehr ist es zunächst und zumeist unentschlossen, in seinem eigensten Seinkönnen ihm selbst verschlossen, in der Art des Entwurfs seiner Möglichkeiten nicht primär aus dem eigensten Seinkönnen bestimmt. Die Zeitlichkeit des Daseins zeitigt sich nicht ständig aus ihrer eigentlichen Zukunft. Diese Unständigkeit der Existenz, daß sie zunächst und zumeist unentschlossen ist, besagt jedoch nicht, das unentschlossene Dasein ermangele in seiner Existenz zuweilen der Zukunft, sondern es sagt nur soviel: Die Zeitlichkeit selbst ist hinsichtlich ihrer verschiedenen Ekstasen, im besonderen der Zukunft, abwandelbar. Das unentschlossene Existieren ist sowenig ein Nichtexistieren, daß gerade diese Unentschlossenheit die alltägliche Wirklichkeit des Daseins charakterisiert.

Weil wir versuchen, das existierende Verhalten im alltäglichen Sipne zum zunächst gegebenen Seienden herauszustellen, müssen wir den Blick auf das alltägliche, uneigentliche, unentschlossene Existieren wenden und fragen, welchen Charakter die Zeitlichkeit des uneigentlichen Sichverstehens, des unentschlossenen Sichentwerfens auf Möglichkeiten hat. Wir wissen: Dasein ist In-der-Welt-sein; sofern es als dieses faktisch existiert, ist es Sein bei innerweltlichem Seienden und Mitsein mit anderem Dasein. Das Dasein versteht sich zunächst und zumeist aus den Dingen. Die Anderen, die Mitmenschen, sind auch dann mit da, wenn sie sich nicht in unmittelbar handgreiflicher


Martin Heidegger (GA 24) Die Grundprobleme der Phänomenologie

Basic Problems of Phenomenology pp. 288-289

GA 24