431
§ 26. Die Darlegung der Möglichkeit ontologischer Erkenntnis

Schemata, Gestalten, Bildern oder Anblicken, mit rein Anschaubarem, d. h. das Verfahren mit reinen Zeitverhältnissen. Die Schemata der reinen Verstandesbegriffe, der Kategorien, sind apriorische Zeitbestimmungen und als solche ein transzendentales Produkt der reinen Einbildungskraft29.

In der Art, wie wir die Interpretation der transzendentalen Ästhetik und Analytik, die der transzendentalen Deduktion insbesondere, angesetzt haben, ist das Problem des Schematismus grundsätzlich schon behandelt. Von der Anlage der kantischen Darstellung her gesehen, ist der Schematismus eine Begründung der transzendentalen Deduktion, obzwar Kant ihn nicht als solchen versteht. Von unserer Interpretation aus gesehen ist der Schematismus die Anweisung auf die ursprüngliche Sphäre der radikalen Begründung der Möglichkeit der ontologischen Erkenntnis.

Als ich vor einigen Jahren die »Kritik der reinen Vernunft« erneut studierte und sie gleichsam vor dem Hintergrund der Phänomenologie Husserls las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und Kant wurde mir zu einer wesentlichen Bestätigung der Richtigkeit des Weges, auf dem ich suchte. Freilich ist nie die Autorität als solche begründend, und etwas ist nicht deshalb wahr, weil Kant es gesagt hat. Wohl aber hat Kant die große Bedeutung in der Erziehung zur wissenschaftlichen philosophischen Arbeit: man kann ihm schlechthin vertrauen. Man hat bei Kant wie bei keinem Denker sonst die unmittelbare Gewißheit: er schwindelt nicht. Und es ist die ungeheuerste Gefahr, die in der Philosophie selbst liegt, zu schwindeln, weil alle Bemühung nicht den massiven Charakter eines naturwissenschaftlichen Experiments oder einer geschichtlichen Quelle hat. Aber wo die größte Gefahr des Schwindelns ist, da ist auch die höchste Möglichkeit der Echtheit des Denkens und Fragens. Das Bedürfnis für diese Echtheit zu wecken und wachzuhalten ist der Sinn des Philosophierens.

29 a.a.O., Β 185


Martin Heidegger (GA 25) Phänomenologie Interpretation von Kants Kritik der reinen Vernunft

GA 25