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§ 72. Charakteristik des Aussagesatzes bei Aristoteles

λόγος in der γένεσις des σύμβολον gegründet ist, deshalb ist er κατὰ συνθήκην, aus Übereinkunft.

Was Aristoteles ganz dunkel und ganz von ungefähr und ohne jede Explikation mit einem genialen Blick unter dem Titel σύμβολον sieht, ist nichts anderes, als was wir heute die Transzendenz nennen. Es gibt Sprache nur bei einem Seienden, das seinem Wesen nach transzendiert. Das ist der Sinn der Aristotelischen These: Ein λόγος ist κατὰ συνθήκην. Was man aus dieser Aristotelischen These in der Interpretation gemacht hat, möchte ich nicht erzählen. Aber auch das ist nicht zufällig, daß man gerade hier in die Irre interpretiert hat, weil vor Aristoteles bei der Besinnung über das Wesen des λόγος in der Tat zwei Theorien und Thesen aufgetreten sind, die so aussehen, als würde Aristoteles sich auf eine Seite der Thesen gestellt haben. Aristoteles sagt: Der λόγος ist nicht φύσει, kein Produkt irgendeines physischen Geschehens und Ablaufs, nichts wie Verdauung und Blutzirkulation, sondern er hat seine γένεσις in ganz anderem, nicht φύσει, sondern κατὰ συνθήκην. Dem entspricht von der früheren Theorie vom λόγος, daß die Sprache θέσει sei: Die Worte wachsen nicht, geschehen und bilden sich nicht wie organische Vorgänge, sondern sind, was sie sind, aufgrund einer Vereinbarung. Sofern auch Aristoteles κατὰ συνθήκην sagt, sieht es so aus, als sei er der Meinung, die Sprache bilde sich auf diese Weise, daß Laute hervorgebracht werden und Menschen sich vereinbaren: wir wollen das und das darunter verstehen. Das kommt vor, trifft aber nicht das innere Wesen der γένεσις der Sprache selbst, die Aristoteles sehr viel tiefer gesehen hat, indem er zwar in gewisser Weise von diesen Theorien ausgeht, sie aber durch neue entscheidende Schritte überwindet. Die Worte erwachsen aus jener wesenhaften Übereinkunft der Menschen miteinander, gemäß deren sie in ihrem Miteinandersein offen sind für das sie umgebende Seiende, worüber sie im einzelnen übereinstimmen und d. h. zugleich nicht übereinstimmen können. Nur auf dem Grunde dieses ursprünglichen


Martin Heidegger (GA 29/30) Die Grundbegriffe der Metaphysik