491
§ 73. Rückgang in den Grund der Möglichkeit

wir fragen: das ›als‹ und die ›als‹-Struktur. Wenn aber nach Aristoteles ebensosehr auch das Sein, die Kopula, und zwar jetzt in der Vieldeutigkeit genommen, in einer σύνθεσις gründet, so zeigt sich hier die Möglichkeit, daß das ›als‹ und das Sein eine gemeinsame Wurzel haben. Das deutet sich schon darin an, daß wir in der formalen Anzeige, des Weltbegriffes als Offenbarkeit des Seienden als solchen im Ganzen im Zusammenhang der Erfassung des Seienden selbst das ›als‹ gebrauchen, und zwar in ausgezeichnetem Sinne. Vielleicht ist gerade die Beziehung, in der das ›als‹ und ·die ›als‹-Struktur verwurzelt ist, diejenige, die es zugleich ermöglicht, so etwas wie Sein in den Blick zu nehmen, so daß ›als‹-Struktur und Sein in sich in irgendeinem Sinne zusammenhängen. Daß das so ist, können wir freilich nur sehen, wenn wir zugleich aus der bisherigen Interpretation des λόγος begreifen, daß dieser nicht eigenständig, sondern in einem Ursprünglicheren begründet ist. Dieses ursprüngliche Wesen des λόγος werden wir nur dann finden, wenn wir nicht diese oder jene Beschaffenheit ansetzen, sondern wenn wir den ganzen Wesensbau des λόγος im Blick behalten und zurückfragen in die Dimension seines Ursprungs, d. h. in dasjenige, was ihn seiner inneren Möglichkeit nach ermöglicht. Wir dürfen daher auch nicht bei dieser Ursprungsbetrachtung des Wesens des λόγος, der Aussage, wie es gemeinhin geschieht, die positive wahre Aussage als das primäre Exempel zugrunde legen, aber ebensowenig eine andere Form der Aussage. Vielmehr gilt es, zu sehen, daß das tiefere Wesen des λόγος darin liegt, daß er in sich die Möglichkeit zu diesem>entweder-oder< des Wahr- oder Falschseinkönnens ist, sowohl in der Weise des Zusprechens, als des Absprechens. Erst wenn wir die Frage nach dem Grunde der Möglichkeit des λόγος so ansetzen, daß wir fragen nach der Ermöglichung seines inneren Wesens, nämlich des Vermögens zum >entweder-oder< des Wahrseins oder Falschseins, haben wir die Sicherheit, den λόγος in seiner Wesensstruktur wirklich ergründen zu können.


Martin Heidegger (GA 29/30) Die Grundbegriffe der Metaphysik