72
Die Leitfrage der Philosophie und ihre Fraglichkeit

dann leuchtet sofort der innere Strukturzusammenhang des philosophischen Begriffes ενέργεια mit οὐσία als παρουσία auf. Wir gewinnen zugleich damit einen Lichtblick für das Verständnis des Grundbegriffes der platonischen Lehre vom Sein: ἰδέα bzw. εἶδος . Die begriffliche Fassung der platonischen Lehre von Sein als »Ideenlehre« ist freilich eine Verfälschung, sofern dieser Begriff rein doxographisch genommen ist. Sein besagt für Platon Was-sein. Was etwas ist, das zeigt sich in seinem ›Aussehen‹. Dieses ist das, worin sich das betreffende Seiende präsentiert, anwesend ist. Im Aussehen des Dinges liegt dessen Anwesenheit (Sein).

Daß das Werk in seiner Werkhaftigkeit und Hergestelltheit als solches — sei es als Werk des Handwerkes, sei es als eigentliches Kunstwerk — zur Läuterung und eigentlichen Ausgestaltung des antiken Seinsbegriffes wesentlich mit beigetragen hat, kann und muß aus Grundeinstellungen des antiken griechischen Daseins heraus aufgehellt werden. Diese zeigen das Abringen und Entreißen der Dinge und Gestalten aus und in der Furchtbarkeit des Daseins. Sie entlarven die Lüge von der Heiterkeit des antiken Daseins. Im besonderen ist zu beachten, daß τέχνη von früh an und lange Titel des ganzen Erkennens, des Offenbarmachens des Seienden selbst ist. τέχνη bezeichnet weder ›Technik‹ als praktische Tätigkeit, noch ist sie nur auf handwerkliches Sichauskennen zunächst beschränkt, sondern sie meint alles als Herstellen im weitesten Sinne und die dieses leitende ›Erkenntnis‹. In ihr spricht sich der Kampf um die Anwesenheit des Seienden aus. Auf andere antike Grundworte des Seins und die ganze Weite und Tiefe der in ihnen beschlossenen Problematik ist jetzt nicht einzugehen. Im Verlauf der Erörterung des Begriffes ενέργεια wurde bereits hingewiesen auf Kants Begriff der ›Erscheinung‹. Daß das Seiende als solches Erscheinungscharakter hat, heißt nichts anderes als: Das Sein des Seienden hinsichtlich seiner Wirklichkeit wird verstanden als Sichzeigen, Begegnen, als Ankunft und Anwesenheit. Mit dieser Interpretation des kantischen Erscheinungsbegriffes gehen wir ebenso wie in


Martin Heidegger (GA 31) Vom Wesen der menschlichen Freiheit