EINLEITUNG


VORBEREITENDE BESINNUNG ÜBER DAS ANFÄNGLICHE UND DAS WORT



§ 1. Zwei Geschichten über Heraklit als Hinleitung zu seinem Wort


Vom Lebensgang Heraklits, dessen Zeit in die Jahrzehnte zwischen 540 und 480 fällt, wissen wir gleich wenig wie von dem des Anaximander und des Parmenides. Es wäre verkehrt, das Fehlen biographischer Nachrichten zu beklagen; denn wer Parmenides ist und wer Heraklit ist, bestimmt sich allein aus dem, was Parmenides, was Heraklit gedacht hat; das erfahren wir nie durch ›Biographien‹. Daher kann auch die Biographie eines Denkers weithin richtig sein, während die Darstellung seines Denkens durchaus unwahr bleibt. So hat Nietzsche eine lebendige Schilderung der ›Persönlichkeit‹ des Heraklit gedichtet. Diese Darstellung konnte jedoch nicht verhindern, daß Nietzsche die fürchterlichste Mißdeutung dessen hinterlassen und in Umlauf gebracht hat, was Heraklit denkt.

Die Frage, wer Heraklit sei, findet, gesetzt daß sie in den Grenzen gefragt wird, innerhalb deren hier überhaupt so gefragt werden darf, ihre Antwort in dem Wort, das der Denker als Denker gesagt hat. Ein Abglanz dieses Wortes verbirgt sich aber in den ›Geschichten‹, die zuweilen über die Denker aufbewahrt sind. Solche ›Geschichten‹ enthalten, selbst wenn sie erfunden sind oder gerade deshalb, eine ursprünglichere Wahrheit als die richtigen Daten, die durch die historische Forschung festgestellt werden. Die historisch-biographischen Feststellungen bewegen sich stets im Medium des Gleichgültigen und dienen der Befriedigung der biographischen Neugier.


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit

Heraclitus p. 7