§ 5. Exposition des Wesenszusammenhanges von Aufgehen und Untergehen. Fragment 123


Wenn wir alles Gesagte bedenken, stehen wir vor einer zwiefachen Notwendigkeit. Einmal müssen wir das im Wortgefüge τὸ μὴ δῦνόν ποτε liegende doppelte Verneinen einfach anerkennen, sofern wir den Spruch so vernehmen, wie er spricht. Dies ist doch das Geringste, worauf wir zu achten haben, daß das eigenste Sagen des Spruches durch keine Umdeutung verletzt werde. Zum anderen freilich zwingt uns fast die vollzogene Umwandlung des negativ gefaßten Spruches ins Positive dazu, eben diese positiv gefaßte Bedeutung festzuhalten. Denn hierbei kommt ja doch zum Vorschein, daß das »niemals Untergehen« das »immerdar Aufgehen« meint: φύσις - ζωή. Dieses aber sind die Grundworte des anfänglichen Denkens. Sie nennen unmittelbar das, was den anfänglichen Denkern das Zu-denkende ist. Weshalb die Schriften der anfänglichen Denker alle denselben Titel tragen, der lautet: περὶ φύσεως - Über das Aufgehen. Wir können somit nicht nur τὸ μὴ δῦνόν ποτε umwandeln in das »immerdar Aufgehen«, sondern wir müssen es sogar, wenn anders dieser Spruch Heraklits der rangmäßig erste sein und also das nennen soll, was überall und zuvor das Zu-denkende ist, nämlich die φύσις.

Außerdem denken wir ganz im Sinne des Heraklit, wenn wir statt τὸ μὴ δῦνόν ποτε geradehin φύσις sagen; denn Heraklit gebraucht selbst das Wort φύσις. Ja, er nennt dieses Wort in einem Spruch, dessen Gehalt unmittelbar in denjenigen Wesenszusammenhang weist, der mit dem μὴ δῦνόν ποτε, »dem niemals Untergehen« genannt ist, nämlich das Nicht-Weggehen in die Verbergung und damit überhaupt Verbergung.


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit page 109

Heraclitus p. 83