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Heraklits Lehre vom Logos

Wiederholung


3) Die zwiespältige Zwiefalt in Zukehr und Abkehr als Bezug des Menschen zum Sein und zum Seienden. Der Riß im Zwiehaften der Zwiefalt und das bezughafte Walten der λόγοι. Fragment 72. Hinweise auf die Fragmente 50 und 108


Wir bedenken das Fragment 72; beiläufig sei angemerkt, daß wir den Titel ›Fragment‹ lediglich aus der Rücksicht auf die übliche Bezeichnung gebrauchen. ›Fragment‹ ist in diesem Fall die Bezeichnung für einen philologisch-literarischen Begriff; sonst wären, wie das in früheren Vorlesungen geschah3, die jeweils angeführten Worte Heraklits mit dem Namen ›Spruch‹ zu benennen. Dabei müssen wir uns freilich hüten, das denkende Sagen des Heraklit als eine Art von ›Spruchweisheit‹ aufzufassen.

Am Leitfaden des Spruches 72 versuchen wir uns deutlich zu machen, daß und inwiefern nach dem Wissen Heraklits der Λόγος für den Menschen stets gegenwärtig und gleichwohl zumeist abwesend ist. Dieser seltsamen Gegenwart des Λόγος entsprechen die Menschen durch einen gleich seltsamen Bezug zum Λόγος. Die Menschen sind auf den Λόγος in einer ausgezeichneten Weise bezogen: sie sind am meisten ihm zugekehrt. Zugleich jedoch sind sie von ihm abgekehrt, insofern sie gerade mit dem, dem sie am meisten zugekehrt sind, sich auseinanderbringen. Der Spruch sagt es in seinem ersten Teil:

ὧι μάλιστα διηνεκῶς ὁμιλοῦσι λόγωι τούτωι διαφέρονται . . .

»Dem sie am meisten austragsam zugekehrt sind, dem Λόγος, gerade mit diesem bringen sie sich auseinander.«


Das zweimal aber in verschiedener Bedeutung gesagte δια bestimmt das Gefüge des Gedachten. Was durch und durch stetig ist, ist in seiner Stete zugleich wie gebrochen, wenngleich nicht unterbrochen oder zerbrochen. Sagen wir für Λόγος


3 Vgl. »Der Anfang des abendländischen Denken« in diesem Band.


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit

Heraclitus pp. 253-254