Der Grundcharakter des faktischen Lebens, daß ich mich im Erfahren selbst ausgedrückt finde, wird deutlicher sichtbar, wenn sich das faktische Leben seiner selbst erinnert. In der Erinnerung hebt sich die Artikulation des Lebens und seiner Bezüge auf mich selbst, und dadurch wird der Charakter des Erfahrens sichtig. In der Erinnerung an das Erlebte läßt sich, viel unmittelbarer als im damaligen Erleben selbst, verfolgen, was in der Weise des Erlebthabens beschlossen ist, wie das Erinnerte seinen ganz spezifischen Charakter hat, in dem es mir vertraut ist. —
20. Die Rolle der Erinnerung — Die Geschichte als Leiterfahrung
der phänomenologischen Forschung
Der Psychologe wird sagen, daß seien alles vage Begriffe; es gäbe nicht Präzises wie »Erinnerungsrückstände, Einprägungsund Reproduktionsziele« etc. Aber wir lassen uns nichts von ihm hereinreden. Wir haben andere Maßstäbe von Strenge als er. Man darf sich aber auch nicht die Aufgabe der phänomenologischen Lebenserforschung erleichtern, indem man sagt: Jedes Erlebnis ist Erlebnis eines Ich. Also bin ich bei jedem Erlebnis eo ipso dabei. Denn wir haben ja noch gar keinen Begriff von einem »Erlebnis«. Diesen wollen wir gerade erst radikal bestimmen.
Hier ist die Motivstelle dafür, daß alles phänomenologische Verstehen sich sein Material aus dem vollen historischen Leben vorgeben lassen muß. Das wirkliche Leben und die Geschichte ist der Leitfaden oder besser die Leiterfahrung für die phänomenologische Forschung. Geschichte ist hier nicht verstanden als historische Wissenschaft, sondern als lebendiges Miterleben, als Vertrautsein des Lebens mit sich selbst und seiner Fülle. — Hier liegen die Wurzeln der tiefen Probleme der Geschichtswissenschaft und -philosophie. (Von hier hätte auch eine tiefgreifende Kritik von Spenglers »Untergang des Abendlandes«