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XXXV. Überlieferte Sprache und technische Sprache

Technik (Heisenberg8). Zumal die Kernphysik sieht sich in eine Lage gebracht, die zu bestürzenden Feststellungen zwingt: daß nämlich die vom Beobachter im Experiment verwendete technische Apparatur mitbestimmt, was jeweils am Atom, d. h. an seinen Erscheinungen zugänglich ist und was nicht. Dies besagt jedoch nichts Geringeres als: die Technik ist mitbestimmend im Erkennen. Dies kann sie nur sein, wenn ihr Eigenstes selbst etwas vom Erkenntnischarakter an sich hat. Indes denkt man so weit nicht, sondern man begnügt sich mit der Feststellung eines Wechselverhältnisses von Naturwissenschaft und Technik. Man nennt beide ein »Zwillingspaar«, womit nichts gesagt ist, solange nicht ihre gemeinsame Herkunft bedacht wird. Mit elem Hinweis auf das Wechselverhältnis beider kommt man zwar elem Sachverhalt näher, so zwar, daß er jetzt erst recht rätselhaft und darum fragwürdig wird. Ein Wechselverhältnis zwischen Naturwissenschaft und Technik kann nur bestehen, wenn beide gleichgeordnet sind, wenn die Wissenschaft weder nur die Grundlage der Technik, noch die Technik nur die Anwendung der Wissenschaft ist. Rot und Grün sind gleich, insofern sie miteinander übereinkommen im Hinblick auf das Selbe, daß sie eigentlich Farben sind.

Was ist nun dasjenige, worin die moderne Naturwissenschaft und die moderne Technik übereinkommen und sodas Selbe sind? Was ist das Eigentliche beider? Um dies ungefähr wenigstens in den Blick zu bringen, ist es nötig, das Neue der neuzeitlichen Naturwissenschaft zu bedenken. Diese wird, mehr oder weniger bewußt, von der leitenden Frage bestimmt: Wie muß die Natur als Gegenstandsgebiet zum voraus entworfen werden, damit die Naturvorgänge vorausberechenbar sind? In dieser Frage liegt ein Zwiefaches beschlossen: einmal eine Entscheidung über den Charakter der Wirklichkeit der Natur. Max Planck, der Begründer der Quantenphysik, hat diese Entscheidung in einem kurzen Satz ausgesprochen: »Wirklich ist, was sich messen läßt.« Nur was


8 [Werner Heisenberg, Physik und Philosophie. Stuttgart: Hirzel 1959; 3. Aufl. Stuttgart: Hirzel 1978, S. 182.]


Martin Heidegger (GA 80-2) Vorträge (Teil 2: 1935-1967)

GA 80-2