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XXXV. Überlieferte Sprache und technische Sprache

noch als diese Fülle bleibt der Umstand, daß es von vornherein an einem verläßlichen Leitfaden fehlt, elem entlang die genannten Fragen sich auf eine sachgerechte Weise entfalten ließen. Darum halten wir uns auch hier bei der Sprache, wie bei der Technik, zunächst an die gängigen Vorstellungen.

Sprechen ist: 1. eine Fähigkeit, Tätigkeit und Leistung des Menschen.

Es ist: 2. die Betätigung der Werkzeuge der Verlautbarung und des Gehörs.

Sprechen ist: 3. Ausdruck und Mitteilung der von Gedanken geleiteten Gemütsbewegungen in Dienste der Verständigung.

Sprechen ist: 4. ein Vorstellen und Darstellen des Wirklichen und Unwirklichen.

Diese vier in sich selber noch mehrdeutigen Kennzeichnungen der Sprache hat dann Wilhelm v. Humboldt auf einen tieferen Grund gegründet und so das ganze Sprachwesen umfassender bestimmt. Es genüge, aus seinen Betrachtungen über die Sprache den einzigen Satz anzuführen:

»Wenn in der Seele wahrhaft das Gefühl erwacht, daß die Sprache nicht bloß ein Austauschungsmittel zu gegenseitigem Verständnis, sondern eine wahre Welt ist, welche der Geist zwischen sich und die Gegenstände durch die innere Arbeit seiner Kraft setzen muß, so ist sie [die Seele] auf elem wahren Wege, immer mehr in ihr [nämlich in der Sprache als Welt] zu finden und in sie zu legen.«9

Der Satz Humboldts enthält eine negative und eine positive Aussage. Die positive sagt: Jede Sprache ist eine Weltansicht, nämlich


9 Wilhelm von Humboldt, Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts, S. CCXXI. [Faksimile-Druck nach Dümmers Original-Ausgabe von 1836. Bonn: Dümmler 1960, § 20; auch in: Wilhelm von Humboldts gesammelte Werke. Bd. 6. Berlin: Reimer 1848 (Photomechanischer Nachdruck: Berlin/New York: De Gruyter 1988), S. 1–425; hier S. 210. – Ergänzungen im Zitat in eckigen Klammern von Heidegger.]


Martin Heidegger (GA 80-2) Vorträge (Teil 2: 1935-1967)

GA 80-2